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Vom Frieden in Jerusalem und anderen Träumen

Heilige Stadt des Islam, Geburtsort des Judentums - und zugleich die am stärksten politisch zerklüftete Metropole der Welt, aus der die Zäune so bald nicht verschwinden werden. West gegen Ost, Juden gegen Juden, Juden gegen Araber: Jerusalem im Jahr 2012 - ein Bericht aus dem Herzen des Nahostkonflikts
(Malte Henk, GEO 04/2012)

Von oben betrachtet, aus dem Helikopter, ähnelt Jerusalem einer Anhäufung von Puzzleteilen, die nicht zusammenpassen. Mehr als 180 Viertel liegen da im harten, klaren Licht des Mittags. Im Westen die grünen Hügel des jüdischen Jerusalems, jeder einzelne eng bebaut; in der Mitte das ummauerte Quadrat der Altstadt mit dem Tempelberg, der in den arabischen Osten ragt, in zerfurchtes und dürres Bergland mit gewundenen Straßen und kreisrunden Siedlungen.
Heiliges Jerusalem, Stadt des Friedens, ein Traum.
118 Mal haben Armeen um diese Stadt oder in ihr gekämpft, 44 Mal wurde sie erobert, 23 Mal belagert. Hier herrschten 1000 Jahre lang Juden, 400 Jahre lang Christen, 1300 Jahre lang Muslime; und es scheint, als habe die Geschichte diesen Ort mit Aggressionen aufgeladen, so sehr, dass der Blick seiner Bewohner härter, ihr Gang entschlossener wirkt als anderswo.
Dort unten, im funkelnden Gewirr der Häuser und Asphaltlinien, kämpfen die Menschen um Machtfragen, die klar und konkret sind wie Beton - um den Raum der Stadt. Wer darf wann wo bauen? Wer legt wann und wo die Regeln des Zusammenlebens fest? Wer darf wann den anderen von wo vertreiben? Es sind Kämpfe, die nicht von Armeen ausgefochten werden und nur manchmal mit Waffen, sondern in Gerichtssälen, auf Baustellen oder in Schulen. Ihr Ausgang wird über die Zukunft des Staates Israel entscheiden und über die Chance, im Nahen Osten Frieden zu schaffen. Jeder Versuch dazu muss mit Jerusalem beginnen.
In Jerusalem, so schrieb der Dichter Yehuda Amichai, existiere man nebeneinander her, eingehüllt in seine Prophezeiung "wie in eine dichte Wolke nach einer Explosion". Experten sprechen von der politisch am stärksten zerklüfteten Stadt der Welt. Jerusalem ist die Hauptstadt der Mauern, Zäune und Trennlinien, sichtbar wie unsichtbar.
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Seit acht Jahren lebt die palästinensische Familie a-Rajabi Wand an Wand mit der jüdischen Familie Tanami. In dieser Zeit haben die a-Rajabis kein Wort mit ihren Nachbarn gewechselt, aber man kann nicht sagen, dass deren Anwesenheit ihr Leben nicht verändert hätte.
Das Klappern von Fußketten, metallisch und monoton, zerbricht die staubige Stille im Gerichtsgebäude. Drei Frauen in schwarzen Abayas springen von der Wartebank auf. Dann biegen drei Männer um die Ecke, in einer Wolke von Wärtern, die ihnen, angelangt am Saal 237, die Fesseln abnehmen. Zwei der Angeklagten, fast Kinder noch, pöbeln dabei die Wärter an. Der dritte, Zuheir a-Rajabi, Bruder und Onkel der beiden anderen, ein großer, fülliger Mann Anfang 40 mit ersten grauen Strähnen im Vollbart, wirft seiner Ehefrau einen langen Mirgeht's- gut-Blick zu. Im Saal wartet die Richterin.
Der Fall scheint eindeutig zu sein. Bilder einer Polizeikamera zeigen, wie Zuheir a-Rajabi einen Globus und mehrere Stühle auf Beamte wirft, die im Haus seiner Familie nach randalewütigen Jugendlichen suchen. Die Anklage plädiert auf 14 Monate Haft, der Anwalt auf sieben Monate, die Richterin hat fünf Minuten Zeit.
Das Unglück, in das sich die a-Rajabis verstrickten, begann 2003. Es war das Jahr, als sie eine Wohnung renovierten, die sie einem Mann im Palästinenserviertel Silwan abgekauft hatten. Zuheir a-Rajabis Cousin sollte dort mit seiner gehbehinderten Tochter einziehen. In der Wohnung darüber, in den Häusern nebenan lebten schon andere Familienmitglieder: Zuheirs alter Vater, sieben Brüder. Eine Straße als Heimat, keinen Kilometer vom Tempelberg entfernt.
Es ist ein chaotisches Häusergewirr auf steilem Hügelhang. Wie eine brasilianische Favela, mitten in Jerusalem.
Eines Nachts in jenem Juni 2003, um zwei Uhr, kamen Unbekannte nach Silwan. Bewaffnete, Männer mit Kippa, die kurzerhand die neue Wohnung der a-Rajabis besetzten. Bald war klar, dass der Verkäufer, ein Araber, als Strohmann für eine jüdische Organisation Wohnraum im Palästinenserviertel beschaffte. Ein zwielichtiger Geschäftemacher, der die Wohnung doppelt losgeschlagen hatte, an die Juden, an die a-Rajabis. Außerdem hatte er in der Nähe einen siebenstöckigen Wohnklotz errichten lassen, in den nun ebenfalls jüdische Familien einzogen: ein knappes Dutzend zwischen Zehntausenden Arabern.
Die Tanamis, die neuen Nachbarn der a-Rajabis, haben im Haus der Palästinenser ein eigenes Stockwerk mit eigener Eingangstür: ein Metallmonstrum, eingelassen in eine mit Stacheldraht bewehrte Mauer. Auf dem Dach gegenüber belauern Tag wie Nacht Wachen der jüdischen Siedler die Gasse, und morgens erlebe ich hier ein Ritual, das es so nur in Jerusalem gibt: Ein kleines Heer Uniformierter wartet vor der Metalltür der Familie Tanami. Schutzschilder, Gewehre, Funkgeräte. Dann tritt eine schmale junge Frau auf die Gasse, sie schiebt einen Kinderwagen und wird die paar Hundert Meter zu jenem siebenstöckigen Siedlerhaus eskortiert, wo die Kinder der jüdischen Bewohner den Tag auf dem Dach verbringen, umgeben von Plastikrutschen, Maschinenpistolen und einem Schutzkäfig gegen Steinwürfe.
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Man bemerkt die Spaltung nicht sofort. Vor allem im Jerusalemer Geschäftszentrum scheint Eintracht zu herrschen; dort mischen sich Kopftuchmädchen, junge Männer mit Kippa und bärtige Rabbis in Einkaufspassagen und Cafés.
Aber wie ein unsichtbarer Andreasgraben verläuft mitten durch die Stadt der Riss zwischen dem jüdischen Westen und dem muslimischen Osten. Ein Riss, der so tief ist, weil diesseits und jenseits ganz andere Träume wohnen: Israelis feiern "Jerushalaim" als ihre ewige Hauptstadt; Palästinenser "Al Quds", die Heilige, als Mittelpunkt ihres künftigen Staates.
Etwa 2000 jüdische Siedler halten die Stellung in den muslimischen Teilen der Altstadt und den Vierteln in deren Umgebung, dem Ölberg oder Silwan. Vor Gerichten wird um jeden Meter Boden gerungen, ein Vorgang, kaum zu erfassen in seiner Komplexität, weil die Araber zwar gleichberechtigte Einwohner Jerusalems sein sollen, aber ihr Grundbesitz selten registriert worden ist.
"Jeder hier hat einen Anwalt", sagen die Menschen in Silwan. Da ist der Taxifahrer, dem die Wände seines Häuschens gehören, nicht aber das Dach, auf das jüdische Siedler eine Klimaanlage gestellt haben. Da sind die Häuser der Palästinenser, unter denen Israelis archäologische Grabungen nach Relikten aus der Zeit König Davids veranstalten, bis die Schlafzimmer anfangen zu wackeln. Und wer benutzt wann den Innenhof? Und wo soll im Gemeinschaftsbadezimmer die Trennmauer eingezogen werden?
In Silwan halten mir Zehnjährige mit Interview-Erfahrung Vorträge über einen neuen Holocaust, "diesmal gegen uns", und erläutern, wie man einen Molotowcocktail baut. Manchmal ziehen Tränengasschwaden über den Hügel; die Polizei holt mitten in der Nacht Kinder zu Befragungen ab, und Araber verdächtigen einander, Kollaborateure der jüdischen Eindringlinge zu sein. Der Strohmann, der die Wohnung im Haus der a-Rajabis beschafft hatte, erhielt von den Siedlern viel Geld und bekam eine Reise in die USA geschenkt, Atlantic City, Kasinos; inzwischen ist er verschwunden.
Zahl der polizeilich registrierten "Vorfälle" im Jahr 2010: 1758.
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Es war ein Polizeieinsatz, bei dem der alte a-Rajabi starb, er hatte vermutlich Tränengas eingeatmet. Der Justiz schien der Tod egal zu sein, aber Zuheir, der Sohn, überlegte.
Die Schwachstelle des Gegners, dachte er, ist der Kampf der Bilder, in den Medien. Er installierte sechs Kameras an seinem Haus, nach vorn auf die Gasse, nach hinten mit Blick über das Tal, und verwandelte sein Wohnzimmer in ein Überwachungsbüro. Und tatsächlich, als ein jüdischer Wächter einen Palästinenser erschoss, widerlegten Zuheirs Bilder die Aussage des Täters, er habe aus Notwehr gehandelt.
Die jüdische Siedlerbewegung agiert privat, mit einer Art Miliz zu ihrem Schutz, aber es fällt schwer, nicht das Einverständnis der Behörden zu erkennen. Während der juristische Kampf um die Wohnung im Haus der a-Rajabis andauert, hat Israels höchstes Gericht verfügt, dass die Siedlerfamilien zu- mindest das siebenstöckige Haus nebenan räumen müssen - doch die Stadtverwaltung setzt diesen Beschluss nicht um.
Irgendwann ist Zuheir a-Rajabi ausgerastet, er warf mit Stühlen, die Bilder der Polizeikameras beweisen es. Sieben Monate oder 14 Monate Gefängnis? Die Richterin übergibt den Fall an eine andere Kammer, und Wochen später sitzt der Angeklagte immer noch ohne Urteil in Haft.
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Jerusalem wirkt wie ein letzter Grenzort, eine Art Außenposten am Rande der israelischen Demokratie. Eine Stunde nur dauert die Fahrt aus der Metropolregion um Tel Aviv mit ihren Hightech-Jobs und ihrem Wirtschaftsboom. Die Autobahn ist perfekt ausgebaut. Aber sie führt in eine andere Welt.
In Tel Aviv spricht man zärtlich, in der weiblichen Form, von "Jerushalaim", aber man lästert auch über diese Bastion der Verrückten mit ihren 500 000 Juden und 250 000 Arabern, deren Heimaten sich ineinander verheddert haben. Jerusalem gilt Juden als erster Ort, den Gott erschuf, eine Stadt nicht nur mit heiligen Stätten, sondern heilig der gesamte Boden, alle Häuser, die Luft. Aber Jerusalem ist auch der ärmste Distrikt Israels, nennenswerte Industrie fehlt, nur jeder zweite Mann hat einen Job. Jedes Jahr verlassen fast 20 000 Juden die Stadt, vor allem die Jungen mit guter Ausbildung wandern den Lebenschancen nach, die hier fehlen.
Jerusalem: ein monströses Zuschussgeschäft für den israelischen Staat. Wie die Statue einer Gottheit, der ständig Opfer gebracht werden müssen.
Südlich der Altstadt, etwa auf der Trennlinie zwischen Ost und West, stehe ich mit dem Siedlerführer Daniel Luria auf dem Dach eines Siedlerhauses. Die Aussicht ist schön: vor uns Silwan, auf der nächsten Erhebung das Auf und Ab der alten Stadtmauern, darüber die goldene Kuppel des Felsendoms, eine flirrende Luftspiegelung fast vor endlos blauem Himmel. Die Hügel von Jerusalem sind eine Verheißung; man kann hier immer irgendwo oben stehen und glauben, man habe alles unter Kontrolle.
Luria, ein stämmiger Typ mit verspiegelter Sonnenbrille, Einwanderer aus Australien, weist mit Eroberergestus auf die Orte in Ost-Jerusalem, an denen seine Organisation "Krone der Priester" jüdische Siedlungen durchsetzt. Einstmals hätten in Silwan jemenitische Juden gelebt, sagt Luria. Und weiter nördlich, in Sheikh Jarrah, liege das Grab des Hohepriesters aus der Ära des Zweiten Tempels! Auf solche historisch getränkten Orte richtet sich das Verlangen der Siedler.
Der Anführer lässt sich in einen Plastikstuhl fallen, Rückenprobleme. "Dies ist die jüdische Stadt Jerusalem", sagt er, "und eben nicht irgendein Außenposten im Palästinenserland. Wer soll uns daran hindern, mitten in unserer Hauptstadt das jüdische Leben zu erneuern?" Und die Araber? Die seien eine Horde Tiere, sagt Luria.
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Jerusalem will ständig etwas von dir, bedrängt dich, lässt dich nie das Individuum sein, das du doch eigentlich bist. So sagt es der Schriftsteller Meir Shalev. Denn in Jerusalem herrsche die Geschichte über die Lebenden. Die Vergangenheit über die Gegenwart.
In dieser Stadt der Einwanderer, die als Heilssucher kamen, hat es seit jeher einen Wettlauf um Land gegeben. Siedlung um Siedlung entstand im Laufe der Jahrhunderte auf den Hügeln, für gläubige Juden aus Osteuropa, aus Persien, dem Jemen, für deutsche Templer, Muslime... Man grenzte sich voneinander ab, stritt um die Nähe zu den Stätten, die allen heilig waren. Und als schließlich, vor allem in den Wirren der 1930er und 1940er Jahre, Einwanderer aus Europa die Idee für einen eigenen jüdischen Staat nach Palästina brachten - da standen sie, die Zionisten, vor Jerusalem wie vor einem Museum mit allerlei verstaubten Exponaten und fragten sich, was sie damit anfangen sollten.
Einerseits verhieß ihnen Jerusalem die glückliche Rückkehr in das Heimatland. Seit die Römer vor zwei Jahrtausenden das Heiligtum der Juden, den Tempel, zerstört hatten und die Überlebenden dieses Krieges sich in der Diaspora verloren, hatte eine tiefe Sehnsucht das Unterbewusstsein der jüdischen Kultur geprägt. Juden in aller Welt beteten Richtung Jerusalem, wünschten einander "Nächstes Jahr in Jerusalem", und noch im Todeslager Treblinka der Nazis betrauerten ausgemergelte Häftlinge den Verlust jüdischer Herrschaft über die heiligen Stätten, indem sie einmal pro Woche fasteten.
Welchen praktischen Wert besaß, andererseits, diese uralte Stadt für eine moderne Nationalbewegung? "Oh, Jerusalem!", hatte Theodor Herzl geklagt, der Vater des Zionismus, "modrige Ausscheidungen aus 2000 Jahren Intoleranz und Gemeinheit verpesten deine Gassen." Die Zionisten träumten von einem säkularen Industriestaat. Aber in Jerusalem, dem Herzen Palästinas, lebten schon viele ultrareligiöse Juden, die davon nichts hören wollten - sie konservierten in ihren Vierteln eine alte, enge Glaubenswelt. Produktiv zu sein hieß dort, die Tora zu studieren, Erfolg zu haben hieß, am Wort des Rabbi sein Leben auszurichten.
Und natürlich lebten in Jerusalem auch Muslime. Die Stadt war kurz nach dem Tod des Propheten dem arabischen Kalifat einverleibt worden, sie gehörte zur Zerfallsmasse des Osmanischen Reiches. Die Zionisten ahnten, dass da ein Problem lauerte, was den Anspruch auf das Heilige Land betraf.
So blickten die Gründer Israels auf Jerusalem und standen vor einem Rätsel: Was ist das natürliche Zentrum eines jüdischen Staates? Was ist ein Jude? Angehöriger einer religiösen Schicksalsgemeinde - dann wäre der Tempelberg das Traumziel, die Rückeroberung Jerusalems, der alten Hauptstadt der Juden. Fluchtpunkt Vergangenheit.
Oder ist ein Mensch jüdischen Glaubens Angehöriger einer "normalen" Nation, ähnlich einem Briten oder US-Amerikaner - dann wäre es nicht so wichtig, Jerusalem ganz zu besitzen. Ein moderner Staat ließe sich auch in Tel Aviv aufbauen. Fluchtpunkt Zukunft.
Die Entscheidung fiel ungeplant, im Chaos des Krieges. Unabhängigkeitserklärung im Mai 1948. Angriff der Araber, die einen Judenstaat verhindern wollten. Am Ende ein teuflisch unklares Ergebnis: Das junge Israel hielt Jerusalem besetzt, aber nur den Westteil der Stadt; der Osten fiel an Jordanien. Vergeblich forderten die Vereinten Nationen, Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen. Es war nun Grenzstadt, halb jüdisch und halb arabisch, mit unklarem juristischen Status, ähnlich gelähmt wie später Berlin.
Die ersten Israelis bauten in der Küstenregion um Tel Aviv ihren modernen Staat auf und richteten sich in Jerusalem notgedrungen in einem Provisorium ein, in diesem Ort voller Zäune und Barrieren, als fürchteten sie, das Tempo der Geschichte könnte schon bald wieder anziehen.
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Zwei Männer reden über Mauern. Sie sitzen in der Wohnung von Raphael Levy, gelegen im Viertel Rehavia, der Heimat der israelischen Staatselite; friedliche Straßen, umwölbt von Grün, um die Ecke wohnt der Premierminister. Levy, ein Männlein von bald 90 Jahren mit flinker Stimme, wirkt wie erleuchtet von der Bedeutung, die dieser Ort verleiht. Ihm gegenüber im Sofa, mit Denkerstirn und skeptischem Blick, sitzt Tom Segev, Israels berühmter Historiker, auf der Suche nach einem Gast für seine TV-Geschichtssendung.
Casting-Moment: ein Jerusalemer Leben, interessant genug für 45 Minuten? Levy erzählt eifrig: Zweiter Stadtgouverneur war er damals, in jenen Jahren der Teilung nach 1948, zuständig für das Mandelbaumtor, den Übergang aus dem jüdischen Sek- tor in das arabische Jerusalem. Levy stand vor diesem Tor zur muslimischen Welt wie Kafkas Wärter vor dem Gesetz. Meist kam niemand, nur mal ein Tourist oder Diplomat. Israelis hatten keinen Zugang. Er steht auf, eilt über schwere Teppiche zu einer Vitrine voller Krimskrams. Hält einen Rahmen in der Hand, darin ein Brocken Stein auf rotem Samt, und erläutert routiniert gravitätisch: "Eine Nonne, am Checkpoint stets bevorzugt behandelt, fragte mich, was sie mir schenken dürfe. Ich sagte: ‚Schwester, mir fehlt nur eines im Leben. Unsere Klagemauer.' Da brachte sie mir diesen Stein von drüben mit."
Gute Story, denkt Segev. TV-taugliche Illustration jener Anflüge von Nostalgie und Sehnsucht, mit denen Juden damals an ihre heiligen Stätten dachten. Segev selbst kletterte ja in den 1960er Jahren als Teenager auf die Türme seiner Heimatstadt, um einen Blick zu werfen auf die Klagemauer, die hinter Stacheldraht im Feindesland lag, einen halben Kilometer entfernt, auf der dunklen Seite des Mondes. Nie im Leben werde ich vor ihr stehen, dachte er.
Dann kam der 7. Juni 1967. Kein Tag hat die DNS dieser Stadt, ihr Aussehen und ihren "Geist" so sehr modifiziert wie dieser.
An jenem Mittwochmorgen erreichte der Sechstagekrieg seinen Höhepunkt. Ein Schicksalsmoment: Kampf an fast allen Grenzen, gegen Syrien im Norden, gegen Ägypten im Süden. Auf West-Jerusalem fielen jordanische Bomben. Die Übermacht der Araber bedrohte die Existenz des jüdischen Staates, Bilder von KZ und Auslöschung folterten die Fantasie.
Und nun diese Wendung! Nun jubelten Israelis, als eigene Fallschirmjäger in die Altstadt von Jerusalem vorrückten. Verteidigungsminister Moshe Dayan stand auf dem Tempelberg, er, der stets vor der Besetzung des arabischen Jerusalem gewarnt hatte, und rief wie ein siegestrunkener Staatsmann: "Wir haben sie wiedervereinigt, die Hauptstadt Israels, die künftig unteilbare." Und abends am 7. Juni stand der Reservist Tom Segev, herbeispaziert durch das Feuer der Heckenschützen, an der Klagemauer und staunte.
Plötzlich verfügte Israel über ganz Jerusalem. Mochten die Vereinten Nationen fordern, was sie wollten.
Die Grenzmauern verschwanden. Raphael Levy war ohne Job und glücklich. Segev aber sah die Massen an Arabern, Einwohner Jerusalems wie er, und zweifelte an der Zukunft. Kein Politiker Israels, sagt er heute, kein noch so säkularer Zionist, hätte sich nach dem Sechstagekrieg einen Rückzug leisten können; ein Kompromiss mit den Arabern war nun kaum noch denkbar, nicht nach diesem unerwarteten Triumph.
Denn der Besitz der heiligen Stätten, nach zwei Jahrtausenden Sehnsucht, verwandelte Israel. Vor dem Krieg hatten nur zwei Prozent der israelischen Oberschüler gesagt, sie seien religiöser als ihre Eltern; nun sagten es 30 Prozent. An der Klagemauer verschmolz der Nationalstolz vieler Menschen gleichsam über Nacht mit dem Gefühl, von Gott auserwählt zu sein. Das neue Milieu der "Nationalreligiösen", die nicht unterscheiden zwischen jüdischem Staat und jüdischem Glauben, brachte die Siedlerbewegung hervor.
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Viele Israelis hofften damals, das Zeitalter der Zäune gehe zu Ende. Ja: Mauern wurden niedergerissen. Aber neue wurden bald darauf gebaut.
Hastig, wie unter Drogen, beschlossen die Sieger, das arabische Jerusalem dauerhaft zu annektieren: Altstadt mit Tempelberg und Felsendom, dazu die Wohnviertel in der Nähe. Vor allem aber verdreifachte die Regierung die Stadtfläche, sie annektierte 28 Dörfer und viele freie Hügel im Osten, sie schob die Stadtgrenze tief ins arabisch-jordanische Hinterland hinein.
Große, weite Stadt, Feld der Träume. Man verspürte die Pflicht, ein prächtiges "Groß-Jerusalem" zu schaffen, die Realität nach eigenen Ideen zu formen. Wünschte sich eine Metropole für Juden, die endlich ihr historisches Zugriffsrecht eingeklagt hatten, mit arabischen Einwohnern, die bleiben und ihren Glauben ausüben durften, aber bitte, loyal sollten sie sein, und nicht zu viele werden.
Die Welt weigerte sich, die Annexion zu akzeptieren, der Status Jerusalems nach dem Völkerrecht blieb ungeklärt. Umso wichtiger für die Träumer, der Welt zu beweisen, dass Jerusalem das Hirn Israels ist, mit zwei Hälften vielleicht, die aber doch untrennbar verbunden sind.
So kam es, dass in Jerusalem die Demografie zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln wurde. Israels Politiker taten, was man hier schon immer gemacht hatte, um Dominanz zu markieren: Sie ließen Häuser bauen. Nun mit dem Ziel, den Anteil der Juden in Ost-Jerusalem zu steigern; die eroberten Flächen gleichsam mit eigenen Leuten zu füllen. Dafür enteignete man arabische Landbesitzer auf jenen gerade okkupierten Hügeln außerhalb des Stadtgebiets. Die "Operation Faktenschaffen", gestartet im August 1970, dauert bis heute an. Sie hat das Drama Jerusalems, diese Geschichte von Eroberung und Verdrängung, fortgeschrieben.
Neue "Stadtviertel", wie sie in Israel offiziell heißen, oder "Siedlungen", wie die Welt sie nennt, ziehen sich um das arabische Ost-Jerusalem in Form eines Rings. Sie stehen zwischen den muslimischen Stadtvierteln und ihrem ehemals natürlichen Hinterland, sie machen den Osten "jüdisch"; sie sind aufgeräumt, gleichförmig, Produkt von Schreibtischplanern. Religiöse leben hier, aber auch Säkulare aus der Mittelklasse, die keinen Kontakt mit den Palästinensern zu fürchten haben. Vom jüngsten Viertel, Har Homa, "Mauerberg", fährt man keine zehn Minuten ins Zentrum. Kurz genug, um der Illusion zu verfallen, man lebe im normalen Vorort einer normalen israelischen Stadt.
Kindergärten gibt es in der Hügelsiedlung Har Homa, Shopping Malls, Jugendzentren. Aber nur eine einzige Zufahrt für 20 000 Bewohner. Eine Wohnburg für das neue Jerusalem. Schon leben knapp 200 000 Juden im arabischen Osten. Die "Operation Faktenschaffen" sieht aus wie ein Erfolg. Aber sie ist ein Desaster.
Denn Palästinenser haben diese Siedlungen errichtet. Deren Bau löste eine derartige Welle des Zuzugs von Arbeitern aus dem Westjordanland nach Ost-Jerusalem aus, dass Israel den demografischen Wettlauf am Ende doch nicht gewann. Heute wohnen so viele Araber in Jerusalem wie nie zuvor; ihr Anteil an der Bevölkerung ist seit 1967 von 26 auf 36 Prozent gestiegen. Und die verfehlte Politik der "Judaisierung" des Ostens hat sogar den jüdischen Westen der Stadt geschwächt.
Die Summen, welche in die "Stadtviertel" an der östlichen Peripherie flossen, fehlten zur Erneuerung des Zentrums. Man sprach von einer "starken Stadt" und meinte eine Stadt mit vielen Juden und wenigen Arabern. Alles andere: egal. Die Armut, das niedrige Bildungsniveau, die fehlenden Jobs und die Macht der Ultraorthodoxen in ihrem abgeschlossenen Glaubenskosmos, von denen viele den Staat Israel als neumodischen Unsinn ablehnen.
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Weit im Westen der Stadt steht der Chemieprofessor Daniel Mandler, ein Mann Anfang 50 mit Turnschuhen und randloser Brille, und scannt den Luftraum über seinem Wohnviertel Kiryat Yovel mit den Augen. Ich kann dort nichts anderes erkennen als eine dünne Schnur, die von einem Pfosten über die verkehrsberuhigte Straße führt, weiter zu anderen Pfosten. Mandler aber erkennt dort die Triumphzeichen einer Invasion.
"Diese Dinger", sagt er, "sind erstens illegal errichtet und zweitens unschön. Aber sie sollen ja angeblich unser Viertel koscher machen."
Er zeigt auf einen eruv, eine symbolische Befestigung: Die Tora schreibt vor, Gläubige dürften am Sabbat nur dann Gegenstände außer Haus tragen, wenn ihr Wohnort von einem Schutzzaun umgeben ist. Wer auch nur mit einem Schlüssel oder einem Kinderwagen auf die Straße will, benötigt diesen Ausschluss der Außenwelt, wenigstens mit einer Schnur als Sinnbild der Trennung. Deshalb hat eine religiöse Organisation die Pfosten aufgestellt.
Eines Abends befestigte Mandler ein Messer an einem Stock und kappte die Schnüre. Er, der Chemieprofessor, der Spezialist für die Anziehung und Abstoßung der Elemente, wollte das Eindringen ultraorthodoxer Juden ins soziale Gewebe seiner Nachbarschaft damit stoppen. Aber zwei von ihnen lauerten ihm auf, und Mandler fand sich auf dem Polizeirevier wieder.
Als Chemiker glaubt Mandler an die Stärke rationalen Denkens. Und hat doch nicht verhindern können, dass sich die Demarkationslinien eines alten, neuen Kulturkampfes nach Kiryat Yovel vorgeschoben haben, in dieses gediegene Viertel voller Einfamilienhäuser. Lehrer oder Angestellte sind jetzt die "Säkularen", deren Lebensstil in Bedrohung gerät. Vielleicht werden die Frauen hier im Viertel bald nicht mehr in legerer Kleidung herumlaufen dürfen, wird man am Sabbat keine Gartenarbeit verrichten, nicht ins Auto steigen können, ohne dem Hass religiöser Eiferer zu begegnen. Dan Mandler befürchtet den Untergang seiner Welt, eines westlich geprägten Jerusalems, das sich in Stadtteilen wie diesem erhalten hat.
Denn auf der Suche nach Wohnraum ziehen immer mehr Ultrareligiöse nach Kiryat Yovel. Männer mit Schläfenlocken, ganz in Schwarz gekleidet. Sie gründen Synagogen in Privathäusern. Und ihre Rabbis haben durchgesetzt, dass im Kindergarten ein Zaun die spielenden orthodoxen von den spielenden säkularen Dreijährigen trennt.
In dieser Stadt gelten wie wohl nirgendwo sonst die Geburtsstatistiken als Embleme der Macht. Und dabei liegen, mit unfassbaren 7,7 Kindern im Durchschnitt pro Frau, eindeutig die Ultraorthodoxen vorn. Gäbe es einen eigenen Staat der ultrareligiösen Juden von Jerusalem, er verfügte über die höchste Fruchtbarkeitsrate weltweit. Schon ein Drittel der jüdischen Stadtbewohner zählt zu ihrem Lager.
Fast 100 000 ihrer Kinder gehen auf autonome Schulen, wo sie kein Englisch lernen, keine Mathematik, nur die Gesetze des Glaubens. Männer lassen sich als Tora-Studenten eintragen, um an Staatsgeld zu kommen, eine Art Hartz IV für Gläubige. Nur wenige wagen sich Richtung Moderne, nehmen eine Arbeit an.
Der Staat, so scheint es, überlässt weite Teile West-Jerusalems einer Parallelgesellschaft wie aus dem 19. Jahrhundert, einem Kosmos des altjüdischen Schtetls. Das politische Gewicht der Ultrareligiösen nimmt ständig zu, gegen sie kann kein Bürgermeister mehr anregieren.
In Kiryat Yovel schlagen Dan Mandler und seine Leute mit einigermaßen hilfloser Symbolik zurück, indem sie die Eruv- Pfosten bemalen. Sie dachten an Regenbogenfarben, wagten aber nur das Blau-Weiß der Staatsflagge. Bald lagen sogar abgesägte Aluminiumpfosten auf den Gehwegen. Der Bürgermeister setzte eine Kommission ein; sie bestätigte, dass symbolische Zäune die Stadt durchdringen dürfen. Als gäbe es nicht schon genug echte.
Abends, als Dan Mandler mit seiner Frau bei Pfefferminztee auf dem Sofa sitzt, frage ich, was sie als Nächstes tun wollen. "Nach Tel Aviv ziehen", sagt Frau Mandler.
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Ala' Jaouni möchte nach Jerusalem. Unbedingt. Jerusalem ist seine Heimat. Er steht mit seinem Golf in einem Stau, im zugemüllten Niemandsland, ein Mittdreißiger mit wachen Augen, der das Absurde seiner Lage mit kurzen Lachsalven bekämpft. Die Soldaten. Die Maschinenpistolen. Der Checkpoint am Ende der Schlange. Die Mauer, die hässlichste Jerusalems.
Sie misst neun Meter in der Höhe und Dutzende Kilometer in der Länge. Zieht sich über Hügel, zerstückelt arabische Stadtviertel, trennt Häuser von ihren Grundstücken: eine gigantische, graue Betonschlange, die verhindern soll, dass Terro risten einsickern. Die Route der Mauer aber folgt keineswegs den offiziellen Stadtgrenzen, die Jerusalem von den Palästinensergebieten des Westjordanlandes trennen. Die Mauer knickt immer wieder ins Stadtgebiet hinein, sie schließt Zehntausende arabische Bewohner Jerusalems aus. Ihnen bleibt nur der Weg durch die Checkpoints.
Jeden Morgen um 6.45 Uhr bringt Jaouni, der Jerusalemer, seine beiden Kinder zur Schule nach Jerusalem. Eigentlich ein Trip von fünf Minuten, aber jetzt dauert er eine Stunde und mehr, eine Prozedur aus Warten, Befragungen, Durchsuchungen.
Die Kinder haben sich daran gewöhnt. Aber Ala' Jaouni findet sich nicht damit ab, dass man ihn aus Jerusalem vertreiben möchte. Er stammt aus bester arabischer Familie, die seit einem Jahrtausend in Jerusalem zu Hause ist. Er wuchs in einem prächtigen Haus nahe der Altstadt auf, und sein Fehler bestand nicht darin, zum Studieren in die USA zu gehen. Sondern darin, heimkehren zu wollen.
Die Politik in dieser Stadt, die Politik der Spaltung, hat die Menschen von Ost-Jerusalem in Zwitterwesen verwandelt. Sie sind keine Staatsbürger Israels. Sie unterstehen auch nicht der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah. Ihr Status als "Ständige Einwohner" Jerusalems kann jederzeit verfallen; im Fall Jaouni argumentierten die Behörden, er habe während seiner Zeit in den USA den "Lebensmittelpunkt" in Jerusalem verloren. Deswegen lebt er, der Sohn aus bester Familie, der begabte Ingenieur, nun im Niemandsland jenseits der Mauer.
Um dieses Gebiet kümmert sich keine Polizei, keine Müllabfuhr, keine Behörde. "Eine Art Müllkippe", erklärt er nüchtern. "Hier landet, wen Jerusalem loswerden möchte."
Eine Anwältin kämpft darum, dass Jaouni wieder auf Dauer in Jerusalem leben und arbeiten kann. Israel bleibt Rechtsstaat; es gibt Gesetze, sie gelten auch für Araber. Die "Ständigen Einwohner" Ost-Jerusalems dürfen im Land umherreisen wie Israelis und beziehen Sozialleistungen. Sie schätzen diese Privilegien, wissen aber, dass die Behörden und Richter und Polizisten, die stets vorgeben, alles gehe mit rechten Dingen zu, von einem Ziel getrieben werden: ganz Jerusalem unbestreitbar in einen Teil Israels zu verwandeln.
Dass dazu nicht nur Mauern eingerissen, sondern neue gebaut wurden, ignorieren jüdische Jerusalemer gern. 47,8 Prozent von ihnen sagten in einer Umfrage, sie hätten die "Trennanlage" in ihrer Stadt noch niemals gesehen.
In einem Experiment baten US-Psychologen einmal die Zuschauer eines Basketballspiels, alle Ballwechsel zu zählen. So gebannt schauten die Zuschauer auf das Spiel, dass jeder zweite von ihnen eine Frau im Gorillakostüm übersah, die auf dem Platz herumlief. Der Gorilla schaffte es nicht auf den Aufmerksamkeitsradar der Zuschauer. Die Palästinenser von Ost- Jerusalem sind solche Gorillas: eine zu ignorierende Größe in einem Spiel, das nach fremden Regeln gespielt wird.
Wir vergleichen die Stempel in unseren Pässen, Jaouni, der Araber mit einem Jahrtausend Familiengeschichte in Jerusalem, und ich, der Deutsche, der seit drei Monaten in Israel lebt. "Schau", sagt er, "ich habe einen Besucherschein. Du hast eine Genehmigung zum Arbeiten in Israel. In dieser Stadt hast du mehr Rechte als ich."
Am Checkpoint beantwortet er freundlich die Fragen der jungen Frau mit der Maschinenpistole und weist nach, dass in seinem Kofferraum keine Bombe liegt. Auf der anderen Seite, beim Abschied, lacht er sein bitteres Lachen. "Sie behandeln einen, als sei man kein Mensch."
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Und so sieht er aus, der Alltag in Jerusalem, nach einem halben Jahrhundert des Zusammenlebens: Jede Seite hat ihr eigenes Verkehrssystem, mit eigenen Bussen, besonderen Routen. Araber arbeiten im jüdischen Westen der Stadt, aber oft in schlecht bezahlten, "unsichtbaren" Jobs, etwa als Putzkräfte. Schon versuchen radikale jüdische Aktivisten, die Namen von Geschäftsleuten zu publizieren, die Palästinensern Arbeit geben. Oder sie verteilen Gütesiegel an Restaurants, in denen keine Araber in der Küche stehen. Und in den Briefkästen von West-Jerusalem stecken Werbezettel von Handwerkern, mit dem Hinweis, man beschäftige keine Araber. All das ist illegal, noch.
Beim Vergleich der Infrastruktur feiert der Westen über den Osten Kantersiege. Zahl der Postämter: 42 zu 8. Viele Palästinenser bekommen gar keine Post zugestellt, weil die Stadtverwaltung es nicht für nötig gehalten hat, ihren Straßen Namen zu geben. Sozialämter: 20 zu 3. Sportstätten: 531 zu 33. Büchereien: 26 zu 2. Grünflächen: 1000 zu 45.
Wenn ein Palästinenser einen Herzinfarkt erleidet und ein Rettungswagen mit "jüdischen" Sanitätern in die arabischen Gebiete rast, dann müssen diese Helfer geschützt werden von einer Eskorte aus Polizeiwagen. In den Krankenhäusern von Ost-Jerusalem wehren sich radikale Siedler manchmal dagegen, arabische Ärzte an sich heranzulassen. Der Jerusalemer Fußballclub Beitar gibt arabischen Spielern keine Verträge, als einziger Spitzenverein Israels. Derzeit führen zwei Araber die Torjägerliste an; Beitar wird womöglich absteigen.
Selbstzerstörerischer Fanatismus.
"Jerusalem, komplett und vereinigt, ist die Hauptstadt Israels": Kein Land der Welt folgt diesem Sehnsuchtsbeschluss des israelischen Parlaments, und so bleibt Jerusalem eine Hauptstadt ohne ausländische Botschaften. Israel mag darauf wetten, dass die Welt irgendwann seine Herrschaft über das ganze Jerusalem akzeptiert. Aber es wird diese Wette verlieren. Welche Ironie: Nur wenn Israel sich mit den Palästinensern einigt, könnte Jerusalem als Hauptstadt internationale Anerkennung finden. Dies aber liefe auf die Teilung der Macht hinaus, den Rückzug aus Ost-Jerusalem. Und angesichts der geschaffenen "Fakten" zweifeln daran die meisten Experten.
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An einem brüllend heissen Nachmittag steht Nir Barkat, der Bürgermeister von Jerusalem, an einem Rednerpult in der Nähe der großartigsten Mauer seiner Stadt: Es sind wuchtige Blöcke aus weißem Biosparit, dem "Jerusalem-Stein", aufgeschichtet in 45 erhabenen Reihen. Hier, neben der Klagemauer am Tempelberg, heiliger Stätte für drei Religionen, denen die Hälfte der Weltbevölkerung anhängt, soll der Bürgermeister zu einer Delegation evangelikaler Christen sprechen.
Sie sind aus den USA angereist, um seine Stadt zu unterstützen. Für sie, die Bibeltreuen, erfüllt Jerusalems jüngere Geschichte uralte Prophezeiungen. Die Nation Israel müsse auferstehen, steht in den Schriften, und Jerusalem müsse jüdisch sein. Dann werde irgendwann der Antichrist kommen, und mit ihm das Ende der Geschichte. Die Erlösung von immer neuer Gewalt, der endgültige, der totale Frieden.
Mit seinem Anzug und dem Macherblick gibt der Bürgermeister den Stadtmanager. Die Probleme wachsen, das weiß er. 20 Prozent Ultraorthodoxe, 36 Prozent Araber. Im Westen wie im Osten: Abwanderung der Gebildeten. Verarmung ganzer Stadtteile, Zunahme des religiösen Fanatismus. Kämpfe um Raum, Macht, Identität. Zu viele Gegner, zu wenig Vertrauen in den Staat, der zwischen Idealismus, Hilflosigkeit und einer Politik brutaler Ausgrenzung laviert. Was tun?
Unsere Vergangenheit ist unser Schicksal, ruft Nir Barkat, und die Evangelikalen jubeln.
Wir wollen ein offenes, modernes Jerusalem bauen. Die Evangelikalen jubeln.
Jerusalem war nie geteilt. Jerusalem kann nur als Ganzes funktionieren. Nie dürfen wir diese Stadt Jerusalem teilen!
Das ist der Glaube des Bürgermeisters, und nur der Glaube an die eigene Wahrheit scheint keine Grenzen zu kennen in Jerusalem.